Foto: Prof. Dr. Oliver Schwedes

Im Sommersemester 2016 wurde im Fachgebiet „Integrierte Verkehrsplanung“ der Technischen Universität Berlin, geleitet durch Prof. Dr. Oliver Schwedes, ein neues Lehrmodul Die Zukunft urbaner Nahmobilität – Fuß- und Radverkehr gestalten eingerichtet. Im Anschluss an die Vorlesung „Fußverkehr I“ durch Dr. Thorben Prenzel vom BUND am 20. Juni 2016 wurde eine Begehung mit dem Motto „Stadt wahrnehmen!“ durchgeführt. Die von Dipl .Ing. Bernd Herzog-Schlagk von FUSS e.V. vorbereitete und geleitete Exkursion mit insgesamt 30 Studentinnen und Studenten hatte als Fußverkehrs-Audit oder –Check ein bisher nicht erprobtes Format.

 

Ziel

Entwickelt wurde das Konzept, um zukünftige Planerinnen und Planer im Master-Studiengang zu einer Grob- und Detail-Analyse des öffentlichen Raumes aus der Sicht von Fußgängerinnen und Fußgänger zu motivieren und anschließend die eigenen Eindrücke mit den Wahrnehmungen der anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu vergleichen und zu diskutieren. Der Anbieter der Exkursion hatte darüber hinaus großes Interesse daran, im Rahmen des Projektes „Handlungsleitfaden für Fußverkehrsstrategien“ www.fussverkehrsstrategie.de herauszufinden, welche Aspekte für zukünftige Planungen von Fußverkehrsanlagen für junge Leute besonders relevant sind.

 

Wahrnehmung ist „ein komplexer Prozess der Informationsgewinnung durch die Verarbeitung von Reizen. Die Reizverarbeitung erfolgt nach subjektiven Kriterien, [d.h. jeder Mensch] nimmt (aufgrund individueller Erfahrungen und vorheriger Lernprozesse) individuell wahr.“(2) Es geht darum, die von den Sinnesorganen (Sehen, Hören, Riechen, Fühlen, Schmecken) eintreffenden Informationen auszuwählen, zu ordnen und zu interpretieren. (3) „Ein wichtiger Parameter der Wahrnehmung ist die Aufmerksamkeit.“ (2) „Das, was wir lernen und woran wir uns erinnern, ist zum Großteil eine Funktion der Aufmerksamkeit.“ (4) Walk and notice bedeutet „Zu-Fuß-gehend beachten“ (und nicht notieren)

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Vorgehensweise

Begangen wurde ein innerstädtisches Straßennetz mit 7 kurzen Straßenabschnitten und 8 Querungsanlagen auf einer Länge von knapp zwei Kilometern zwischen zwei Plätzen in Berlin-Charlottenburg. Dafür standen insgesamt nur 90 Minuten zur Verfügung. Deshalb und weil die Straßen häufig mit sehr viel Autoverkehrslärm belastet waren, konnten nicht alle aufgeworfenen Fragestellungen vor Ort ausführlicher diskutiert werden. Es lagen aber anschließend von alle Studentinnen und Studenten in der Regel sehr ausführliche Begehungsprotokolle vor.

Erste Phase

Die Studentinnen und Studenten wurden darum gebeten, auf einem sehr genau festgelegten Weg zwischen zwei sehr unterschiedlichen Plätzen etwa 45 Minuten lang möglichst mit niemandem zu sprechen, die Handys auszuschalten und jeder für sich die Eindrücke festzuhalten. Sie hatten dafür eine Wegeprotokoll-Vorlage mit einer Wegeskizze erhalten, die in 17 Bereichen unterteilt war. Es wurde darum gebeten, jeden einzelnen Straßenabschnitt und jede einzelne Querungsanlage auf diesem Weg als „eher positiv“ oder „eher negativ“ zu beurteilen und dies auch zu begründen. „Zwischenbeurteilungen“ waren ganz bewusst nicht vorgesehen. Als Zusatzaufgabe wurde darum gebeten, auch für andere Verkehrsteilnehmerinnen mitzudenken, die nicht so schnell gehen können, körperlich kleiner oder mit Rollstuhl oder Rollator unterwegs sind bzw. eine Seh- oder Hörschwäche haben.

Zweite Phase

Nach dem Treffen am Endpunkt, wurde der gleiche Weg innerhalb von 45 Minuten als Gruppe im Format einer Ortsbesichtigung gemeinsam zurück gelegt. An jedem Punkt wurde durch den Exkursionsleiter abgefragt, wer ein „+“ oder ein „-„ gesetzt hat und anschließend wurden insbesondere die „Minderheiten-Eindrücke“ abgefragt und diskutiert.

Resultat

Durch die Methode kamen fast alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu Wort und konnten sich einbringen. Die Vielfalt der unterschiedlichen Wahrnehmungen des öffentlichen Raumes und auch das sich Hineindenken in Menschen mit Mobilitätsbeeinträchtigungen war beeindruckend. Es ging um kleinste Details und um straßenplanerische Konzepte. Die Gespräche und Aufzeichnungen machten deutlich, dass fußverkehrsrelevante Fragestellungen sehr differenziert betrachtet werden müssen. Die ausführliche Auswertung der Wege-Protokolle gibt einen guten und handlungsorientierten Überblick über die Herausforderungen, die mit dem Wunsch einer Förderung des Fußverkehrs verbunden sind. Herauskristallisiert werden konnten daraus Wünsche an die Fußverkehrs-Infrastruktur aus der Sicht junger Fachleute.

Übertragbarkeit

Die Methode „walk and notice – Stadt wahrnehmen!“ ist sehr einfach übertragbar und benötigt keine technischen Hilfsmittel. Die Studentinnen und Studenten hatten ein Klemmbrett oder eine feste Unterlage zur Hand. Eine solche Erfassung kann durchaus auch im Rahmen der Bürgerbeteiligung erfolgen. Die Vorbereitung der Wegeführung kann allerdings einige Zeit in Anspruch nehmen, da der Weg zumindest einen Spannungsbogen mit recht unterschiedlichen Eindrücken beinhalten sollte und gleichzeitig nicht zu lang sein darf.

Einordnung der angewandten Methode

Foto: Prof. Dr. Oliver Schwedes

Es gibt verschiedene Methoden, die bei Erhebungen zum Einsatz kommen, z.B. Momentaufnahmen, teilnehmende und nichtteilnehmende oder Experten-Beobachtungen, Befragungen, Betroffenen-Begehungen, etc. Die hier dargestellte Methode „walk and notice - Stadt wahrnehmen!“ ist den häufig angewandten Momentaufnahmen zuzuordnen. Ihnen ist gemein: „Die beobachtende Person schreitet durch den festgelegten Perimeter und registriert alle Aktivitäten, die sich in seinem Blickfeld befinden.“ (1)

Im Rahmen der recht vielfältigen Schwerpunktsetzungen dieser Vorgehensweise, von der bereits 1972 entwickelten „Burano-Methode“ über das 1986 vom FUSS e.V. erstmals eingesetzte „Blitzlicht“ oder der „Scanner-Methode“ bis hin zu den Audits und Fußverkehrs-Checks nimmt „walk and notice - Stadt wahrnehmen!“ eine Sonderstellung ein, weil hier nach einer konsequenten Einzelbeobachtung eine Ortsbesichtigung mit Diskussion und fachlicher Betreuung folgte. Es ging also nicht allein um die Erhebung von Daten; das Verfahren ist darüber hinaus als ein Teil der Lehre und Ausbildung einsetzbar.

Bei der Umsetzung zeigte sich, dass die beteiligten Studentinnen und Studenten fast alle in der Literatur für „die Aneignung des öffentlichen Raums durch Menschen“ zusammen gestellten Kriterien und Aspekte in ihrer Beobachtung einbezogen haben:

  • „Bauliche Umgebung, städtebauliche Struktur
  • Flächengliederung (Fahr-, Geh- und Aufenthaltsbereiche)
  • Nutzungsgefüge (Erdgeschossnutzungen, Nutzungen im öffentlichen Raum etc.)
  • Elemente im öffentlichen Raum (Freiraumelemente, Bepflanzung, Bäume, Sitzmöglichkeiten, ÖV-Haltestellen, Fussgängerstreifen, Brunnen, Treppen, Mäuerchen, auch kleine Elemente etc.)
  • Wegwahl, Wechselwirkungen mit anderen Verkehrsmitteln (MIV, ÖV, Velo)
  • Personenmerkmale und deren Aktivitäten
  • Soziale Interaktionen zwischen Menschen
  • Klima (Besonnung, Schatten, Wind…)“ (1)

 

Quellen:

  1. Flükiger, Samuel und Leuba, Jenny: Qualität von öffentlichen Räumen. Methoden zur Beurteilung der Aufenthaltsqualität, Fussverkehr Schweiz (Hrsg.), Zürich, 2015
  2. https://www.uni-due.de/edit/lp/common/einf_wahrnehmung.htm
  3. Mietzel, Gerd: Pädagogische Psychologie des Lernens und Lehrens, Verlag für Psychologie, Göttingen, 1998, S. 129
  4. Lefrancois, Guy R.: Psychologie des Lernens, Springer-Verlag GmbH Berlin Heidelberg, 1994, S. 160

 

Weiterführende Literatur:

  1. Jan Gehl: Städte für Menschen, jovis Verlag GmbH, Berlin, 2015
  2. Harald Heinz: Schöne Straßen und Plätze – Funktion Sicherheit Gestaltung, Kirschbaum-Verlag, Bonn, 2014
  3. Helmut Holzapfel: Urbanismus und Verkehr – Bausteine für Architekten, Stadt- und Verkehrsplaner, Springer Vieweg, Wiesbaden, 2. Aufl. 2016